Yoga ist … Ausrichtung
Yoga ist ganzheitliches Üben mit den Aspekten des Körpers (Schwerpunkt Asana – Praxis), des Atems (Schwerpunkt Pranayama) und des Geistes (Schwerpunkt Meditation). Damit eine Yoga–Praxis ihre positiven Wirkungen entfalten kann, sollen beim Üben mit den drei Aspekten besondere Qualitäten angestrebt werden, die oft anders sind als die Zustände von Körper, Atem und Geist in unserem Alltag.
Im letzten Beitrag habe ich die angestrebte Qualität bezogen auf den Aspekt des Atems erläutert. Im sog. Prânâyâma, der Praxis der Atemübungen, geht es darum, den Atem in die Qualität von dirgha sukshma (lang, fein und gleichmäßig) zu bringen, um über die Wechselwirkungen zwischen Atem und Geist unsere Gedanken zur Ruhe zu bringen und ganz bei uns im jeweiligen Augenblick anzukommen. Heute möchte ich die im Yoga angestrebte Qualität bezogen auf den Aspekt des Geistes erläutern.
Wenn wir im Yoga den Begriff Geist (in Sanskrit citta) verwenden, meinen wir einfach ausgedrückt all das, was in unserem Gehirn an Gedanken und auch Emotionen stattfindet. Und in unserem Kopf ist im Alltag meist eine ganze Menge los, denn insbesondere durch die Aktivität unserer Sinne wird unser Geist hierhin und dorthin gezogen: Ein Geräusch, das uns ablenkt, ein Gefühl, das in uns auftaucht, eine Erinnerung an etwas, die sich in den Vordergrund drängt. Für diesen Geisteszustand wird im Yoga ein anschauliches Bild verwendet: Unsere Gedanken sind wie ein Horde betrunkener Affen, die von Baum zu Baum springen. Mit einem solchen Affen-Geist ist Konzentration auf das, was wir eigentlich gerade tun wollen, schwierig bis unmöglich. Ein anderer Zustand unseres Geistes tritt oft als Folge des Affen-Geistes ein, wenn unser Geist müde und erschöpft ist. Auch mit dem sog. Wasserbüffel-Geist fällt es uns schwer, unsere Gedanken auf eine Aufgabe oder eine Situation zu fokussieren.
Dem gegenüber wird im Yoga eine Geistesqualität angestrebt, die mit dem Begriff ekagrata beschrieben wird. Eka heißt im Sanskrit eines und grata kommt von der Wortwurzel gr, die greifen bedeutet. Unser Geist sollte nur eines ergreifen, also ausgerichtet sein, auf den Moment, auf die Aufgabe, die Situation, in der man sich befindet.
Aber warum ist es wichtig, unseren Geist in die Qualität von ekagrata zu bringen? Die Antwort ist einfach und komplex zugleich: Nur wenn wir unsere Gedanken wirklich auf eine Situation, in der wir uns befinden, ausrichten, können wir diese richtig wahrnehmen, einordnen und in Folge dessen richtig darauf reagieren. Die Art unseres Handelns resultiert also aus der Qualität unseres Geistes, daraus wie ausgerichtet wir sind, inwieweit wir richtig wahrnehmen. Und die Art unseres Handeln bestimmt alles weitere: Die Reaktionen unseres Gegenübers, die Lösung einer Aufgabe, wie wir mit uns und unserer Umwelt umgehen usw., in der weiteren Folge letztendlich unsere Lebensqualität. Am Anfang dieser „Reaktionskette“ steht der Zustand des Geistes und seine Fähigkeit zur richtigen Wahrnehmung, die das Hauptanliegen und die Grundidee ist, warum der Yoga vor langer Zeit entstanden ist. Doch dazu und wie wir unseren Geist in die Qualität von ekagrata bringen können an einer anderen Stelle mehr.